Ich kam zum ersten Mal nach Belgrad mit Beginn des Krieges, im April 1992. Es war ein trauriger, sonniger Monat, erfüllt von Angst und Unsicherheit. Zdravkos April-Lied hallte aus den Lautsprechern, während wir uns fragten, was mit uns geschah und was die Zukunft bringen würde. In dieser Stadt, in der ich mit einer halbleeren Studententasche am Boden begann, lernte ich, wie Fremde einem helfen können, während diejenigen, denen man vertraut, einen im Stich lassen. Es war dort, wo mich eines Morgens ein Mann, den ich bis vor Kurzem nicht kannte, mit den Worten weckte: „Steh auf, Mrljo, es ist Zeit!“
Im Morgengrauen, gegen vier Uhr früh, liefen wir durch die einsamen Straßen von Kaluđerica. Jedes Mal erschreckte uns derselbe Hund aus demselben Hof – als wollte er sichergehen, dass wir wirklich wach waren. Wir kämpften um einen Platz im Bus, damit er weiter zu seiner Firma fahren konnte, während ich eiligen Schrittes nach Novi Beograd zur Arbeit ging. Er und seine liebe Frau nahmen mich schließlich in ihre Familie auf, während meine eigentliche Familie weit entfernt die Schrecken des Krieges durchlebte.
In dieser Stadt lernte ich, Unabhängigkeit zu schätzen – unabhängig von Menschen, vom Staat und vom Ort. Während ich ihre vielen Viertel erkundete, verstand ich, was es bedeutet, anonym zu sein, ohne Namen, Adresse und Vergangenheit. Ihre Offenheit verwirrte mich, aber gab mir auch eine Chance. Ich fand neue Freundschaften, verlor aber auch alte. Ich begegnete Menschen ohne Beine mit Granatsplittern in der Lunge, solchen, die ihre Liebsten verloren hatten, und denen, die nicht wussten, wo ihre Familie war. Tränen waren ein Luxus – wir alle wussten, dass man vom Schmerz allein nicht leben konnte.
Wir, die Neuankömmlinge, die durch das Unglück hierhergebracht wurden, kämpften alle im gleichen Strudel, griffen nach jeder kleinsten Gelegenheit zum Überleben. Und Belgrad flüsterte uns zu: „Das ist alles, was ich euch bieten kann, leider habe ich nicht mehr.“
Es waren zu viele von uns damals – mehr, als eine größere und reichere Stadt hätte tragen können.
Zwei Jahrzehnte später kehrte ich zurück – diesmal mit einem geregelten Leben, einem halbleeren Koffer und einer Einladung zur Buchmesse. Wieder begrüßte mich die Sonne, diesmal im Oktober. Die vertraute Geschäftigkeit auf den Straßen, die Menschen, für die das Stadtleben ein Alptraum war, aber auch jene, die es genossen.
Als ich die jungen Leute auf der Knez Mihailova betrachtete, wurde ich mir der unfassbaren Geschwindigkeit bewusst, mit der diese zwei Jahrzehnte vergangen waren. Ich näherte mich der Stadt vorsichtig, ging zu den Orten, die mir bekannt waren, und wartete geduldig auf ihr Flüstern.
In der Messehalle sah ich stolze Eltern in der ersten Reihe, freute mich aus tiefstem Herzen und traf liebe Menschen, die geblieben waren. Im nächsten Jahr kam ich erneut, diesmal mit meinem Lebensgefährten. Ich sah, wie die Stadt ihn mit ihren Restaurants, Straßen und dem Nachtleben verzauberte.
Ein paar Jahre später kehrte ich noch einmal zurück. Diesmal eröffnete Ljubivoje Ršumović die Messe, ich sprach kurz mit Muharem Bazdulj, und Vladimir Pištalo signierte mir ein Buch mit einer Widmung an eine Kollegin. Zwischen den Bücherständen brachte mir der Wind die Worte: „Das ist alles, was ich dir bieten kann, leider habe ich nicht mehr.“
Doch mein Herz wurde so groß wie Russland.
Ich dachte: Ich habe gesehen, wie Lügen zu Wahrheiten geschmiedet werden, wie Kriminelle als Heilige verehrt werden, wie Diebstahl und Betrug mit einem Lächeln begangen werden. Ich habe Städte erlebt, die schick, aber kalt waren – arrogant wie alte Gräfinnen. Manche waren schlechter, manche besser, aber keine war so wunderschön und verletzlich ehrlich wie Belgrad.
Belgrad, 2021


