Die Schönheit der Dunkelheit

Die Schönheit der Dunkelheit – Linke Hälfte: Umrisse einer jungen, attraktiven Frau vor regenbogenfarbenem Hintergrund. Rechte Hälfte: Ein Mann in Regenbogenfarben mit einem Blindenstock vor schwarzem Hintergrund.
Rückseite des Buchcovers mit Informationen zu "Die Schönheit der Dunkelheit"

Tanja ist eine junge Ukrainerin, die sich illegal in Österreich aufhält. Mit Hilfe ihres Liebhabers Jurij, einem erfolgreichen, aber auch verheirateten Zahnarzt kam sie ins Land. Neben dem Job in einer Reinigungsfirma arbeitet Tanja als Haushaltshilfe bei älteren Menschen. Auf dem Weg von einer solchen Arbeit in ihr Zimmer, das sie mit Mama Huanita bewohnt, trifft sie den blinden Österreicher Hermann. Die zu Anfang aus der Not geborene Bekanntschaft entwickelt sich zur außergewöhnlichen Freundschaft. Der Job bei Hermann gibt Tanjas Leben eine neue Dimension, außerhalb der geheimen Treffen mit Jurij und ihrer Arbeit, die alles andere als die Erfüllung ihrer Träume ist. Auch bei Hermann wendet sich dadurch vieles zum Positiven. Er erinnert sich öfter an seine Kindheit und die schöne und sorglose Zeit vor seiner Erblindung. Tanjas Einfluss ist so groß, dass Hermann von einem Mann mit jahrelang gleichem Lebensrhythmus – Besuche im Blinden- und Sehbehindertenverein und Treffen mit seiner Tante – zu einem aktiven, fröhlichen Menschen wird.

Erscheinungstermin: 15. Dezember 2019
Seitenanzahl: 154
Sprache: Deutsch | Serbisch
Format: 13.97 x 0.89 x 21.59 cm
ISBN-10: 1706910274
ISBN-13: 978-1706910275
Preis für Buch: € 15,99
Preis für Taschenbuch: € 15,99
Preis für E-Book: € 4,49

Sorgfältig auf die ihn umgebenden Geräusche lauschend, stand er an der Bordsteinkante. Er wusste, dass es an diesem Fußgängerübergang kein akustisches Signal gab, schließlich ging er diesen Weg ja schon seit Jahren. Er kannte sie, die Geräusche des Frühlings, des Sommers, des Herbstes und des Winters; er erkannte, ob das Auto, das an ihm vorbei fuhr, über einen Diesel- oder einen Benzinmotor verfügte, er fühlte es, wenn ihm jemand folgte und wenn ihn jemand überholte. Er konnte die Stimmen der Anwohner unterscheiden, die ihre Freizeit in den hölzernen Wochenendhäuschen neben den Gleisen verbrachten. Ebenso war ihm das Geräusch des Güterzuges bekannt, der hier selten vorbei fuhr und ein paar hundert Schritte weiter die alte Eisenbahnbrücke überquerte, die die Ufer der Donau miteinander verbindet.
Er war überzeugt davon, dass er mithilfe des Zwitscherns der Vögel und des Geruchs der Luft die Wetterbedingungen vorhersagen könnte, die ihn erwarteten. Heute überraschte ihn der Regen aber trotzdem. Ein hartnäckiger Frühlingsregen, der auf den Asphalt und seinen schon fast glatzköpfigen Schädel trommelte, während er ihm über die nassen Schultern rann. Der Wind trieb ihn in alle Richtungen, sodass er keine Ahnung mehr hatte, wie er sich vor ihm schützen sollte. Obwohl er noch nicht weit von Zuhause weg war, hatte er keine Lust, wieder zurückzugehen. Er war sich sicher, dass ihm Greti im Klub trockene Kleidung zum Umziehen geben würde.
Einst liebte er den Regen, denn er trug das Gefühl der Freiheit mit sich, das er so dringend notwendig hatte. In solchen Momenten würde er gewöhnlich an einem ruhigen Platz stehen bleiben, an dem er annahm, nicht gestört zu werden. Dann würde er die Kapuze herunter nehmen und den Kopf himmelwärts drehen, zulassend, dass ihm die frischen Regentropfen prickelnd auf das Gesicht und die Augen tropften. Nur die Schneeflocken auf seinem Gesicht waren für ihn noch angenehmer als dieses Gefühl. Während sein sich wiegender Körper auf dem festen Boden stünde, würde er in Gedanken das ganze Weltall umfassen.
Jetzt senkte er nur den Kopf, um sich vor den Tropfen zu verbergen, während er darauf wartete, dass der Verkehr zum Stillstand kam. Er wusste, dass nach diesem Fußgängerübergang ein weiterer kam, nur zwei Schritte vom ersten entfernt, danach folgten die Gleise und dann am Ende noch ein Übergang, unweit der Straßenbahnhaltestelle. Es fiel ihm schwer, den Unterschied zwischen den Geräuschen des ersten und des zweiten Übergangs wahrzunehmen, und manchmal wechselten die Fahrer auch plötzlich von der einen in die andere Straße und ließen ihn mit seinem Zweifel zurück, ob er jetzt stehen bleiben oder weiter gehen solle. Deshalb würde es am besten sein, wenn er auf das Geräusch des Motors eines stehenden Autos wartete, oder, noch besser, darauf, dass er keine Geräusche von Autos in seiner Nähe mehr hörte.
Er umklammerte den Stock fest mit der rechten Hand, während er geduldig auf den Augenblick wartete, in dem er auf die andere Seite wechseln könnte. Vielleicht wegen des starken Regens, aber vielleicht auch deswegen, weil er sich vor allem auf die Geräusche der Autos konzentrierte, hörte er es nicht, als sie sich ihm näherte.
„Kann ich Ihnen helfen?“, hörte er die ein wenig unsichere Stimme einer jungen Frau sagen. Während er darüber nachdachte, ob ihm die Stimme bekannt vorkäme und ob er schon einmal zuvor die Gelegenheit hatte, mit ihr Bekanntschaft zu schließen, hatte sie sich bei ihm schon untergehakt und ihn in Bewegung gesetzt. Weil der Niederschlag aufhörte, folgerte er, dass sie den Regenschirm schützend über ihn hielt.
„Danke. Ist es möglich, dass wir uns schon mal begegnet sind?“
„Ja, ich komme oft hier vorbei. Einmal wollte ich Ihnen an der gleichen Stelle helfen, habe Sie aber ungeschickt gelenkt und Sie haben sich an einem Verkehrszeichen den Kopf angeschlagen. Das ist mir noch immer sehr unangenehm.“
Er lächelte. Natürlich erinnerte er sich. Dieser Anprall hatte zwar keine Folgen für ihn, aber anscheinend für sie.
„Ah, ich erinnere mich. Bitte lenken Sie mich dieses Mal nicht in Richtung des Verkehrszeichens. Führen Sie mich nur über die Gleise, dann kann ich alleine weiter.“
Sie ging mit ihm trotzdem bis zur Straßenbahnstation, wo sich ihre Wege trennten, obwohl er fühlte, dass sie ihn auch weiter verfolgte, bis er auf einem für Behinderte reservierten Sitzplatz saß.