Kein Schritt zurück


Ena, eine knapp 40jährige Frau, verbringt einen Urlaub gemeinsam mit ihrem Freund auf einer griechischen Insel. Mit Griechenland verbindet sie ihre Faszination an der Natur, ihre Liebe zu Kunst und Kultur und ihr gesellschaftspolitisches Interesse. Auf ihren Streifzügen durch die Straßen ihrer Urlaubsinsel begibt sie sich nicht nur auf eine Reise in die große kulturelle Vergangenheit Griechenlands, sondern bereist auch ihre eigene Lebensgeschichte. Die Gedanken ihres Freundes lassen erahnen, dass er von ihren ernsten, melancholischen und politischen Gedankenausflügen ziemlich überfordert ist. Gesellschaftlich relevante Themen beschäftigen sie unaufhörlich, während ihr Freund lieber Sommer, Sonne, Strand und Meer genießen möchte.
Erscheinungstermin: 09. August 2016
Seitenanzahl: 149
Sprache: Deutsch | Serbisch
Format: 13.97 x 0.86 x 21.59 cm
ISBN-10: 3200050055
ISBN-13: 978-3200050051
Preis für Buch: € 12,99
Preis für Taschenbuch: € 12,99
Preis für E-Book: € 4,49
Sie sitzt im Bett und schaut durchs Fenster in die Sonne. Er schläft noch und es wird sicher noch dauern, bis er aufwacht.
Gut vierzig Jahre sind jetzt vorbei. Die Zeit ist verflogen wie in einem Roman. Vieles hätte sie sich ersparen können, aber was soll es. Nur kein Selbstmitleid, das braucht heute keiner.
Sie zieht das neue Sommerkleid mit Blumenmuster an und geht raus auf die Straße. „Dieses Land ist so schön“, denkt sie, während sie über die im ersten Morgenlicht badende Straße zur nahen Bäckerei geht. Die hat sie schon gestern bei ihrer Ankunft entdeckt. Sie liebt den Geruch von frischem Gebäck. „Good morning!“ sagt sie in der Hoffnung, dass sie sich irgend-wie verständigen kann. Ein Mädchen mit langem schwarzem Haar kommt zur Theke und wünscht ihr ebenfalls guten Mor-gen. Das Mädchen beobachtet sie mit schönen, neugierigen Augen, die gleichzeitig auch etwas Melancholisches haben. „Nett sind die Menschen hier, obwohl sie in den letzten Jahren schlechte Karten gehabt haben“, bemerkt sie. In Westeuropa, wo sie jetzt lebt, hat kaum jemand Glanz in den Augen. Nur die Menschen, die gerade erst ins Land gekommen sind, aber in deren Augen sieht sie oft auch Angst. Nachdem sie etwas Ge-bäck gekauft hat, bedankt sie sich freundlich. Nach kurzem Überlegen nimmt sie doch noch zwei Stücke Baklava für ihn mit, der noch die Ruhe im Zimmer genießt. Sie liebt ihn sehr und ist ihm gleichzeitig dankbar. Sie genießt es, ihm kleine, unerwartete Geschenke zu machen. Sein Gesichtsausdruck, wenn er sie bekommt, ähnlich dem Blick eines fröhlichen Kin-des, machen sie glücklich. Sie hätte mit dem Gebäck gleich ins Zimmer gehen können, wenn da nicht dieser Wunsch nach Unbekanntem wäre. Als suche sie nach etwas längst Verlore-nem, das sie schon in der nächsten Straße oder an der nächsten Ecke wiederfinden könnte. Vielleicht ist es auch nur ein Gefühl von Freiheit, das sie in fremden Städten, in denen sie nieman-den kennt, spürt. Sie überquert die nächste Straße und betrach-tet eine Katze auf dem Steinpflaster, weiße Häuserfassaden und ihre blauen Fensterrahmen. Das Weiß dominiert, sauber und unschuldig. Zwischen den einzelnen Gebäuden gibt es nur wenig freie Fläche, so als reihten sie sich aneinander. Der Mor-gen ist frisch, und es sind nur wenige Passanten unterwegs. Sie stellt sich vor, zu dieser Welt zu gehören. Dann würde sie in einem viel langsameren Rhythmus leben als jetzt. Ihr Arbeits-tag läuft folgendermaßen ab: Sie läuft schnell über die Zebra-streifen und steigt in den Stadtbus ein. Sie muss ganz vorsich-tig sein, da viele Autofahrer nicht ausgeschlafen oder schlecht gelaunt sind. Sie fragt sich wieso das grüne Licht der Ampeln so kurz eingestellt ist, so dass Fußgänger oft über die Straße rennen müssen anstatt zu gehen. Nach der Busfahrt führt sie ihr Weg zur Bäckerei, wo die Verkäuferinnen beinahe mit der Kundschaft schimpfen. So bestellt sie oftmals schnell, auch wenn sie noch nicht sicher ist, was sie wirklich kaufen will. Da die Warteschlange lang ist, bleibt ihr keine Zeit für längere Überlegungen. Dann zum Büro, wo sie Mails und Zeitungen liest, … Eigentlich liest sie sie nicht, sondern springt von ei-nem Thema zum anderen, mit Ausnahme von den Artikeln über Politik, bei denen sie länger verweilt. Damit hat sie ange-fangen, als sie erkannt hat, welchen Einfluss die Politik auf ihr Leben gehabt hat. Sie fragt sich oft, warum war ausgerechnet ihr Leben aus der Bahn geraten? Beim Lesen ist sie schnell ge-nervt von der einseitigen Berichterstattung und der Arroganz der politischen Elite. Aber noch genervter machen sie die vie-len Menschen, die das nicht erkennen, die wie Pflanzen existie-ren, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, wer über ihr Schicksal entscheidet. Wieso ist die Menschheit unfähig, sich gegen die Ausbeutung durch eine kleine Anzahl Mächtiger zu wehren, fragt sie sich auch jetzt. Schon wieder drehen sich ihre Gedanken um Ungerechtigkeit und das Unglück dieser Welt. Hat sie deshalb Urlaub genommen? Es ist besser aufs Meer zu schauen, das in der Ferne verschwindet. Kleine Boote, eine leichte Brise und die Ruhe spüren… als stünde die Zeit auf dieser kleinen Insel still. Kurz hält sie inne, vertieft in die Schönheit, die sie umgibt, ohne weitere Gedanken an die Welt zu verschwenden. Danach spaziert sie an einer in den Felsen gebauten Kirche vorbei. Eine ähnliche, etwas kleinere hat sie schon in Tirol gesehen. Man hat sie nur mit einer Pferdekut-sche oder einem mehrstündigen Fußmarsch erreichen können. Immer schon ist der Wunsch, einen Gott zu ehren, und etwas für die Zukunft zu hinterlassen groß gewesen. Auch das grie-chische Volk ist sehr gläubig, aber auf eine zurückhaltende Weise. Sie bedrängen niemanden mit ihrem Glauben, sie zwin-gen auch keinen anderen dazu. Sie mag diese Art des Glaubens, obwohl sie ziemlich sicher ist, dass sie ihr Leben weiterhin als Atheistin leben will.
Langsam geht sie über die kleine Strandpromenade zum mit schwarzem Stein bedeckten Strand, wo noch keine Touristen zu sehen sind. Mit größter Wahrscheinlichkeit werden wegen der wirtschaftlichen Krise dieses Jahr weniger als sonst anrei-sen. In einem Garten auf der anderen Seite der Strandprome-nade sieht sie einem kleinen, dunkelhaarigen Jungen beim Spie-len zu. Er spielt allein, trägt bunte Blumentöpfe hin und her und gießt die Pflanzen mit Wasser. Er scheint ganz vertieft in seine Arbeit zu sein. Weit weg von den Augen derjenigen, die sein Leben schon jetzt für größeren Profit an den Börsen op-fern wollen. Er dreht sich zu ihr ohne Abneigung oder Angst in seinem Gesicht und zeigt lächelnd eine Reihe kleiner weißer Zähne, als freue er sich, eine fremde Frau zu sehen. Sie freut sich auch, winkt schüchtern, lächelt ihn an und geht weiter. Sie fragt sich, ob sie vielleicht ein Kind in die Welt setzen sollte. Ein unbekümmertes Wesen, mit kleinen Füßen, die geschickt durch den wuchernden Garten laufen. Bisher war ihr Wunsch nie stark genug gewesen. Sie mag Kinder, eigentlich Menschen überhaupt, unabhängig von ihrem Alter. Gerade deswegen kann sie sich kaum vorstellen, ihre Liebe nur einem einzigen Wesen zu schenken. Eine ziemlich schlechte Eigenschaft, wenn man die Mutterrolle ausfüllen will. Sie erinnert sich noch an den Artikel einer bekannten kroatischen Kolumnistin, in dem es um fünfunddreißig „verlorene“ Jahre ging – die Jahre, in denen sich die Autorin um ihre Kinder gekümmert hat. Die Kinder waren längst erwachsen, wollten aber keine Verantwor-tung für ihr Leben übernehmen. Wozu auch, wenn man eine Mutter hat, die alles für einen macht. Noch bevor die Enkel-kinder zur Welt gekommen sind, hatte die Journalistin sich entschieden, endlich ihren eigenen Weg zu gehen. Auch ihre Gedanken kreisen jetzt um dieses Thema. Nein, sie will kein einziges Jahr ihres Lebens verlieren, nicht einmal einen Tag! Das Leben muss noch einen anderen Sinn haben. Sie denkt an ihre Kinderwagen schiebenden Freundinnen und ihre Ge-schichten, die sich in den nächsten zwanzig Jahren nicht än-dern werden. Das ist nicht ihr Leben. Vielleicht ist das, was sie hat auch nicht ideal, aber die Jahre erfüllt mit Liebe und Kunst, neuen Erkenntnissen neuen Städten und viele interessanten Bekanntschaften will sie nicht missen. Vielleicht war es nicht immer leicht, aber es war schön. Es soll kommen, wie es kommt.
Sie ist sehr weit gegangen und die Morgenfrische verwan-delt sich langsam in Mittagshitze. Es wird Zeit, zurück ins Apartment zu gehen. Heute ist der erste Tag ihres kurzfristig geplanten Urlaubes, und sie kann kaum erwarten, ins Meer zu springen. Das Blau des Wassers steht im Kontrast zum steini-gen Strand, auf welchem sich schwarzes Vulkangestein mit orangegelben Kieseln mischt. Dieser Ort ist einfach perfekt.
Er steht auf, zieht das T-Shirt von gestern an und betrachtet das Zimmer, in dem sie die erste Nacht ihres Urlaubs verbracht haben. Es ist hell und die Sonne erleuchtet den Raum bis in den letzten Winkel. Dies gefällt ihm, denn Dunkelheit erträgt er nicht. Er öffnet die Terrassentür und geht hinaus. Ihr Quar-tier befindet sich auf einem kleinen Hügel unweit vom Strand. Mehrere Häuserreihen liegen vor ihm, während er über die Dächer aufs Meer schaut. Die blauen Nuancen von Wasser und Himmel sind fast identisch. Man kann schwer sagen, wo das Meer aufhört und der Himmel anfängt.
Kurz fragt er sich, wo sie steckt, aber dann erinnert er sich wieder, dass sie Gebäck holen wollte. Wahrscheinlich wird sie noch unterwegs sein. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie län-ger dafür braucht. Die Wege, die sie wählt sind immer geheim-nisvoll. Er fragt sich, ob er sie irgendwann richtig kennen wird. In den gemeinsamen Jahren hat er so viel über sie erfahren, aber trotzdem hat er nicht das Gefühl, sie wirklich zu kennen. Vieles an ihr ist überaus kompliziert. Sie kann ihm ohne er-denklichen Grund eine Szene machen, oder ein gemütliches Abendessen mit Freunden durch eine unpassende Diskussion verderben, in denen sie ihre linke Ideologie schonungslos ver-tritt. Von einem Moment zum anderen kann sie melancholisch und traurig werden. Manchmal hasst er sie fast deswegen, manchmal wünscht er sich, sie wäre unkomplizierter. Aber könnte er mit einer anderen zusammen sein, mit einer, die nicht so wie sie wäre? Wohl kaum. Wer würde für ihn Lieder übersetzen, deren Übersetzung am Ende keinen Sinn ergibt? Wer würde ihn zwingen, Pedro Almodovar Filme zu schauen und ihm erläutern, dass diese Filme eine Reihe wunderschöner Bilder sind, eines schöner als das andere. Nur sie bringt es fer-tig zu weinen, weil die Bilder einfach so schön sind. Allein der Gedanke, sie zu verlieren, tut weh.
Mit lächelndem Gesicht tritt sie ins Zimmer und merkt, dass er schon wach ist. Aus dem Bad dringt das Geräusch der elektrischen Zahnbürste. Sie nimmt das Gebäck aus ihrer Ta-sche und schaltet den Wasserkocher ein. Sie haben sich für ein Apartment mit kleinem Garten ohne Frühstück entschieden, so dass sie vormittags länger im Bett bleiben können.


