Ein Tag mit Nebojša Krulanović

Ich habe Nebojša bei einer Buchpräsentation für Kinder- und Jugendliteratur in der österreichischen Stadt Linz kennengelernt, wo er musikalisch begleitete. Trotz seines beachtlichen Erfolgs in seinem Beruf findet er Zeit und Lust, bei kulturellen Abenden verschiedener Vereine aus dem ehemaligen Jugoslawien mitzuwirken. Schon bei unserem ersten Gespräch wurde mir klar, dass wir ähnliche Erfahrungen und Interessen für Kunst teilen. Dieses Interview begannen wir am rechten Ufer der Donau – einem Ort, den Nebojša täglich mit seinem Hund Rino besucht.

Guten Morgen und danke, dass du dem Interview zugestimmt hast. Für mich persönlich ist das Donauufer der schönste Teil von Linz. Die Verbindung zu diesem wunderbaren Fluss, der Frieden, den er mit sich bringt, seine Geschwindigkeit auf dem Weg nach Budapest und Belgrad bis hin zum Schwarzen Meer und seine Weite haben mir seit meiner Ankunft hier ein Gefühl von Freiheit vermittelt. Wie erlebst du die Spaziergänge mit Rino an der Donau?

Diese Spaziergänge entspannen mich sehr. In diesen Momenten versuche ich, an nichts zu denken – auch nicht an die Donau. Denn sie entspannt mich schon allein durch ihren Fluss, ihre Energie und ihre Magie. Ich denke nicht viel darüber nach, wohin sie fließt. Manchmal, wenn ich sentimental bin, frage ich mich, wie es wohl wäre, in ein Boot zu steigen und nach Belgrad zu fahren. Aber meistens denke ich nicht viel nach – ich erlebe die Donau als einen großen, mächtigen Fluss, der Länder und Menschen verbinden sollte.

Du bist in Foča, Bosnien und Herzegowina geboren und in Sarajevo aufgewachsen, wo deine Familie lebte. Dort hast du auch mit der Musik begonnen. Kannst du mir etwas über deine musikalischen Anfänge erzählen?

Meine Anfänge sind mit Sarajevo verbunden, mit Grbavica, in der Straße Obala 27. jula Nr. 23. Mit Musik habe ich sehr früh begonnen – noch vor meinem fünften Lebensjahr, weil mein Vater Musik liebte. Er spielte mehrere Instrumente und organisierte mit den Kindern aus dem Viertel Chorkonzerte. Im Keller des Wohnhauses hatten wir eine kleine Bühne, wo geprobt wurde. Eine Begebenheit erinnere ich ganz genau: Sie zogen mir einen schwarzen Anzug, ein weißes Hemd und eine Krawatte an – ich sollte dirigieren. Doch am Tag des großen Konzerts bin ich einfach verschwunden. Ich habe mich im Keller versteckt. Da war klar: Dirigieren und Chöre sind nichts für mich. Aber ich bin zur Musik zurückgekehrt, habe eine Musikschule besucht und Klavier gelernt. Neben klassischer Musik hatte auch die Pop- und Rockmusik unserer Region großen Einfluss auf mich. Ich habe vieles nach Gehör auf dem Klavier gespielt. Damals war das in Sarajevo sehr im Kommen, viele besuchten Musikschulen. Meine Schwester spielte Violine. Ich habe neben dem Klavier auch etwas Gitarre gespielt, sowie Keyboard und Orgel. Mein Traum war, Violine zu lernen und der zweite Paganini zu werden.

Nur ein paar Hundert Meter von der Donau entfernt liegt Nebojšas Lieblingscafé Meier. Dort gibt es Kaffee aus einer lokalen Rösterei, und mein Gastgeber empfiehlt mir begeistert die Karottentorte mit Schokolade – eine Empfehlung, die ich gern annehme. Ich möchte mehr über sein „zweites“ Leben erfahren, also über seine Ankunft in Österreich.

Dein Weg aus Sarajevo nach Österreich fand in zwei Etappen statt. Zuerst gingst du freiwillig nach Klagenfurt, berufsbedingt. Später, kurz vor Ausbruch des Krieges, bist du erneut gegangen – diesmal unter Zwang. Nach dieser zweiten Ausreise kehrtest du nicht mehr nach Hause zurück. Wie vergleichst du diese zwei Abreisen aus Bosnien und Herzegowina (damals Jugoslawien) und deine Ankünfte in Österreich?

Wie du gesagt hast, war der erste Aufenthalt freiwillig. Ich kam 1986 nach Klagenfurt und blieb dreieinhalb Jahre. Es war eine konstruktive Zeit – ich war sehr neugierig, traf Musiker aus ganz Jugoslawien: aus Belgrad, Zagreb, Montenegro… Damals herrschte in Österreich – eigentlich in ganz Europa – ein Mangel an ausgebildeten Musiker:innen. Da die meisten von uns kein Deutsch sprachen, kommunizierten wir über die Sprache der Musik. Ich dachte nie daran, in Österreich zu bleiben – im Gegenteil, ich wollte zurück. Nach der Rückkehr nach Jugoslawien spürte man schon, dass ein Krieg bevorsteht. Also kehrte ich zurück nach Klagenfurt – diesmal gezwungenermaßen. Die Alternative war, zu kämpfen oder Musik zu machen. 1992 kam ich auf der Suche nach Arbeit nach Linz – ohne klaren Plan oder Wunsch, aber mit Deutschkenntnissen. Vieles in meinem Leben ist eher zufällig passiert – wie bei vielen, die damals ihre Heimat verlassen mussten.

Deine Familie ist in Sarajevo geblieben, und du hattest lange keinen Kontakt zu ihnen. Sie mussten während des Krieges Schreckliches durchleben. Wir haben in dieser Hinsicht ähnliche Schicksale erlebt, deshalb kann ich mitfühlen. Inwiefern hat dieses belastende Erlebnis dein Leben und deine Musik beeinflusst?

Ich glaube, ich hatte damals keine andere Wahl. Ich konnte entweder üben oder mein Leben auf eine andere Weise beenden. Ich hatte niemanden in meiner Nähe, der das wirklich verstanden hätte. Die Menschen waren mit ihrer eigenen Arbeit und ihren Problemen beschäftigt. Dass ein Krieg nur ein paar Hundert Kilometer entfernt tobte, hat sie kaum berührt. Ich konnte mich kaum zur Arbeit schleppen, aber ich habe zusätzlich zwei, drei oder mehr Stunden täglich geübt, manchmal nachts gespielt… Das hat mich gerettet, denn Musik ist Magie und Antrieb. Ich stand in Kontakt mit Menschen aus vielen Ländern – diese neue Welt wurde zu einer Art neuem Zuhause für mich.

Das Gespräch führt uns weiter zu Nebojšas Arbeitsplatz – dem Landestheater in Linz. Als Besucherin kenne ich das Theater nur von der Zuschauerperspektive. Mich interessiert, wie die Arbeit in einem solchen Haus funktioniert.

Gemeinsam mit dem imposanten Musiktheater – dem größten Musiktheater Europas – ist es eine der wichtigsten Kulturinstitutionen in Linz. Dort hast du deine Theaterarbeit begonnen und komponierst heute noch gelegentlich Musik für Theaterproduktionen. Kannst du uns etwas über die Organisation im Theater erzählen? Wie viele Produktionen hast du bereits mit deiner Musik begleitet? Und hast du mit bekannten österreichischen Künstler:innen zusammengearbeitet?

In einem Theater wie diesem funktioniert es so, dass alle Künstler:innen zunächst einen Jahresvertrag erhalten. Diese werden dann verlängert – oder nicht. Eine Ausnahme bilden Musiker:innen im Orchester: Nach drei Jahren erhalten sie unbefristete Verträge. Ich habe ab 1992 als Korrepetitor für Ballett, Musicals und Operetten gearbeitet, also alle Proben begleitet – im Saal und auf der Bühne. Danach war ich auch Korrepetitor für Opern und später sogenannter Tastendienst, das heißt: Ich spielte im Orchester Klavier, Orgel, Celesta, Synthesizer, Akkordeon… Seit über fünfzehn Jahren komponiere ich Bühnenmusik – für Schauspiel und Jugendtheater. Ich habe also alle Stationen durchlaufen, die ein Pianist in so einem Haus erleben kann. Geprobt wird zweimal täglich, sechs Wochen lang bis zur Premiere. Wie viele Produktionen ich musikalisch begleitet habe, kann ich kaum zählen – es waren sehr viele. Ich arbeitete unter anderem mit Georg Schmiedleitner, einem der bekanntesten österreichischen Regisseure. Er inszeniert bei den Salzburger Festspielen, in Hannover, Nürnberg… Ich habe Produktionen nach Texten von Peter Handke, Elfriede Jelinek, Thomas Bernhard und Dimitré Dinev gemacht – ebenso viele Klassiker und antike Werke. Russische Autoren sind hier seltener vertreten, aber ich habe dennoch Inszenierungen nach Tschechow und Gogol begleitet.

Außerdem warst du Gründer der Ethno-Gruppe Jazzwa, die sogenannte Balkanmusik interpretierte. Erzähl uns etwas mehr über dieses Kapitel deiner musikalischen Arbeit.

Ja, mit dieser Gruppe haben wir zwölf Jahre lang gespielt. Erst mit dieser Musik hatte ich das Gefühl, hier als Musiker wirklich anerkannt zu werden. Wir haben viele Konzerte gegeben – in Österreich, Deutschland, Slowenien, Kroatien, Montenegro… Mit Jazzwa habe ich zwei CDs aufgenommen, dazu drei weitere für Märchenhörspiele, ein Hörspiel fürs Radio, und kürzlich eine CD mit einem österreichischen Sänger und Schauspieler. Das alles – sowie vier Jahre als Lehrbeauftragter an der Bruckneruniversität Linz – habe ich neben meiner Theaterarbeit gemacht.

Ich glaube, die Frage nach der Rolle der Kunst in deinem Leben ist überflüssig. In deiner beruflichen Laufbahn hast du Musik – deine erste Liebe – mit Theater, Literatur, Tanz und Schauspiel verbunden. Gibt es dennoch etwas, das du dir künstlerisch noch wünschst?

Ich plane, ein Festival in Montenegro zu gründen – ein Musik- und Theaterfestival. Und wenn ich die begonnenen Projekte irgendwann abgeschlossen habe, dann ist mein einziger Wunsch: Bach spielen. Einfach Bach. Vielleicht ein bis zwei Konzerte pro Jahr – in kleinem Rahmen, für ein ausgewähltes Publikum. Bach ist für mich der Anfang und das Ende. Diese Musik ist das Alte Testament – während Mozart das Neue ist.

In einem Interview hast du gesagt, dass du – wenn du kein Musiker geworden wärst – gerne Basketballtrainer geworden wärst. Mein Vater war Trainer eines Basketballclubs, ich weiß, wie anstrengend Training und Spiele sein können. Was fasziniert dich an dieser so ganz anderen Tätigkeit?

Basketball ist ein sehr intelligenter Sport. Er lebt vom Teamgeist – Taktik spielt eine große Rolle. Es geht nicht nur um Kraft. Früher war Basketball ein Sport für Intellektuelle, bei dem Geld keine so dominante Rolle spielte. Leider hat sich das auch in diesem Bereich geändert.

In Linz hast du eine neue Heimat gefunden, deine Söhne Grigorij und Luka bekommen, Freundschaften geschlossen und eine erfolgreiche Musikerkarriere aufgebaut. Herzlichen Glückwunsch dazu! Fühlst du dich hier zu Hause, oder spürst du noch eine gewisse Distanz? Denkst du manchmal an eine Rückkehr – oder vielleicht ein Leben in zwei Ländern?

Diese Distanz spüre ich durchaus – sprachlich, aber auch im Mentalitäts- und Energieraum. Ich glaube, es liegt auch an der unterschiedlichen Weltanschauung zwischen dem germanischen und dem slawischen Kulturraum. Hier ist mein Zuhause, hier sind meine Kinder – aber ich bin nicht und werde nie von hier sein. Manchmal denke ich an Rückkehr – doch ehrlich gesagt fühle ich mich dort manchmal noch mehr als Fremder als hier. Ich werde wohl weiterhin mobil bleiben, solange es möglich ist: Freunde besuchen, weltweit – von Australien bis Kanada.

SAN Magazine, 2023