Ich verließ Sarajevo während des Krieges und kehrte danach nur kurz oder auf der Durchreise zurück. Diesmal bin ich zum SFF (Sarajevo Film Festival) gekommen, mit dem Plan, ein paar Tage zu bleiben.
Zwei Tage vor der Anreise sagt mir der Vermieter, ich solle die Buchung stornieren – die Wohnung sei belegt. Zum ersten Mal passiert mir so etwas auf Booking. Ich weigere mich, aber da sich weder er noch Booking meldet, storniere ich schließlich und buche über Airbnb – meine letzte, aber oft bessere Lösung.
Nach dem ersten Schock läuft alles gut. Mein erster Kontakt mit Sarajevo: moderne, klimatisierte Straßenbahnen. Ich quetsche mich mit meinem Koffer hinein, vorsichtig, dass mir niemand etwas stiehlt. Glücklicherweise passiert nichts – die Polizei ist ständig präsent. Diese alte Angst vor dem Vorkriegs-Sarajevo beginnt zu verblassen.
Ein junger Mann hilft mir mit dem Koffer – er kommt aus Ost-Sarajevo und hat in Deutschland gelebt. Eine türkische Familie steigt ein, spricht mit den Kindern Deutsch. Wir schließen uns an – plötzlich klingt in der Straßenbahn wie in Stuttgart.
Erster Kaffee an der Miljacka – der Fluss riecht nicht besonders gut, aber es ist ein Duft der Vergangenheit und ich atme die Luft tief ein. Der Kellner ist charmant, der Kaffee teuer und mittelmäßig.
Ich verbringe meine Tage beim CineLink des SFF – als Vertreterin der Produktionsfirma Red Cut Movie. Alles ist neu, meine Erwartungen sind nicht hoch, aber bald packt mich das Filmfieber. Ich treffe kreative Menschen, besuche diverse Talks, zwischen anderen zu den Gender, Umwelt und KI Themen, sammle Kontakte und Eindrücke. Die Gespräche sind meist auf Englisch – Deutsch blieb in der Straßenbahn.
Ich freunde mich mit dem österreichischen Team an. Sie erzählen mir von ihrem Film über die Freundschaft eines jungen Mannes mit einer älteren Frau – die Frau ist in meinem Alter! Ich muss lachen. Ich frage mich, wie sie uns darstellen: erfahren, nervös, unzufrieden – auf der Suche nach verlorener Jugend. Ich erinnere mich ständig an sie – Sarajevo weckt gemischte Gefühle: Glück und Familie, Liebe und Freundschaft, Sorge und Schmerz, Krieg und Flucht. Ich versuche, das zu ignorieren – und der Festivalzauber hilft dabei.
Ich sehe einen Film – nicht wegen seiner Bekanntheit, sondern weil Zeit und Ort passen. Er ist gut, aber wegen meiner Müdigkeit lasse ich ihn durchschnittlich bewerten. Ich besuche auch die Buchpräsentation eines alten Freundes – ein schöner Abend mit viel Publikum, vor allem Frauen.
Am letzten Tag habe ich viele Kontakte gesammelt – Regisseure, Produzenten, Geldgeber aus Doha, ein sympathischer Filmemacher aus Casablanca, ein türkisches Duo, das Kusturica liebt, kreative Menschen aus ganz Europa.
Ich packe meinen roten Koffer und gehe zum Masterclass mit Willem Dafoe. Er ist kleiner und schmaler als erwartet, aber seine Ausstrahlung ist stark. Ein angenehmer Mensch, geduldig mit dem Publikum und vor allem mit dem Moderator.
Ich gehe zu Fuß zur Busstation – um die Vergangenheit deutlicher zu spüren. Ein alter Mann fragt nach dem Weg. Ich erinnere mich am Bahnhof an das alte Sarajevo: alte Station, überfüllte Busse 20 vor 3 – mit Essen in der Tasche und saubere Kleidung komme ich an, mit leeren Dosen fahre ich zurück. Freude und Abschied, Prüfungen und Partys.
Die Schalter sind noch dieselben, die Fahrkarten auch. Ein Mann verkauft Taschentücher – er ist freundlich zu allen. Wenn Willem heute hier wäre, würde ich ihn wohl nicht erkennen. Vielleicht würde ich ihm sogar die Taschentücher abkaufen oder eine Mark geben.
Alles wirkt wie eine Illusion – Willem, das Festival, diese Reise.
Ja, Sarajevo ist noch da, wo es einmal war. Anders als ich es in Erinnerung habe – herausgeputzt, modern, voller Touristen. Besser für die Jungen, Erfolgreichen, Reichen. Schlimmer für die Alten, Namenlosen, Armen.
Sarajevo – da sie nicht in die Breite wachsen konnte, wuchs sie in die Höhe.


